Nach 58 Jahren der Schulentlassung erneutes Treffen ehemaliger Mittelschüler
Die weiteste Anreisen waren von Kanada und Spanien
Verden am Montag, 19. Juli 2010

Verden (eb). Es gehört zu einer guten Tradition, dass Waltraut Vese, geb. Kirchner und Margit Hehl, geb. Vöge, seit vielen Jahren Verbindungen mit den ehemaligen Schülerinnen und Schülern der früheren Verdener „Städtischen Mittelschule“ halten und alle fünf Jahren zu einem Treffen einladen. Da die Mitschüler mittlerweile alle das 75. Lebensjahr erreicht haben, wurde beim letzten Treffen im Jahr 2007 beschlossen, sich in einem kürzeren Zeitabstand erneut zu treffen. Am vergangenen Wochenende konnten beide Organisatorinnen 33 ehemalige Mitschülerinnen und Mitschüler begrüßen. Insbesondere wurde Christa Jonas geb. Hattenhauer begrüßt, die seit vielen Jahren in Port Severn in Ontario/Kanada zu hause ist. Zahlreiche Jahrzehnte galt Rolf Kühne „vermisst“; jetzt kam er als spanischer Überraschungsgast und wurde ebenso herzlich empfangen.
Nach einer ausführlichen gegenseitigen Begrüßung und einem festlichen Essen im „Borsteler Hof“ in Verden-Borstel wurden viele Erinnerungen an die Schulzeit in den Jahren 1946 bis 1952 ausgetauscht und standen im Mittelpunkt der Unterhaltung.
Heute nicht mehr vorstellbar, fand im Sommer 1946 eine einwöchige „Aufnahmeprüfung“ mit 300 Bewerbern statt, von denen schließlich 180 Schülerinnen und Schüler aufgenommen wurden.
In drei Klassen zu jeweils 60 Schülern begann der erste Nachkriegsunterricht, nachdem kriegsbedingt im Jahr 1944 in der Mittelschule ein Lazarett der Wehrmacht eingerichtet worden war und die vielen „Ostflüchtlinge“ und „Aufgebombten“ 1946 zum ersten Mal in Verden zur Schule gehen konnten.
Für die heutigen Lehrer- und Schülergenerationen bleibt anzumerken, daß die 60 Schülerinnen und Schüler in einem kleinen Klassenraum untergebracht waren und es für die ersten Schuljahre keine Schulbücher gab und wichtige Lehrerhinweise von der mit Kreide beschriebenen Tafel abgeschrieben werden mussten. Papier und Bleistifte gab es auf „Bezugsschein“.
Da die allgemeine „Ernährungslage“ mit Lebensmittelkarten noch nicht ausreichend war, gab es täglich auf dem Hof des benachbarten „Mädchen -Lyzeums“ (heute GAW) in der Pause mit süßen Suppen die „Hover-Speisung.“
Die Disziplin in den Klassen stand bei den Lehrern im Vordergrund, waren die Lehrer doch allgemein ehemalige Offiziere, die darauf bestanden, daß die Schulstunden „lautlos“ abgewickelt wurden. Mehrere Mitschüler hatten im „Jungvolk“ bereits Disziplin gelernt. Wer während der Schulstunden unaufmerksam war oder nicht still saß, musste die restliche Stunde neben dem Lehrer strammstehend verbringen oder anschließend für den nächsten Tag vom Hof die Kohle ins Klassenzimmer bringen.
Die wenige Freizeit war nach den Kriegsjahren ausgefüllt mit der Vorsorge für das Beheizen der häuslichen Zimmer und dem Füllen der Vorratskeller. Besonders beliebt waren die Kohlenzüge für die britischen Kasernen und alte Bäume im Stadtwald. Im Sommer gab es besonderen „Naturunterricht“ unter Aufsicht der Lehrer, in dem unter anderem Kartoffelkäfer, Hagebutten und Brennnesselblätter mit der gesamten Schulklasse gesucht wurden.
Fußball wurde mit Holzschuhen und aus Autoreifen gebastelte „Latschen“ gespielt. Der Ball war von den „Omas“ aus Wolle gestickt und Sägespäne gefüllt. Die von den englischen Soldaten „spendierten“ Bananen, Apfelsinen, Schokolade, Erdnüsse und anderen Süßigkeiten machten die Jugendlichen glücklich, kannten die Jugendlichen diese bisher nicht. Dabei wurden auch die ersten „Ami-Zigaretten“ heimlich geraucht.
In den regen Gesprächen wurden viele alte Erinnerungen ausgetauscht und mit der Gegenwart verglichen und festgestellt, daß die „strengen“ Schuljahre vor bald 60 Jahren das weitere Lebens erheblich beeinflusst und „nicht geschadet“ haben. Immerhin sind aus den ehemaligen Mittelschülerinnen und Mittelschülern einige Professoren, Bankdirektoren, Ingenieure, Unternehmer und vor allem Beamte geworden. Von den ursprünglich 180 Mitschülern haben 1952 lediglich 39 das Zeugnis der „mittleren Reife“ erhalten.
In den regen Gesprächen wurden wiederholt Vergleiche zwischen der eigenen und heutigen Schulzeit gezogen. Dabei bestand weitgehend Übereinstimmung, dass dank des heutigen umfassenden sozialen Netzes durch zahlreiche aktiven Organisationen und deren betreuenden Einrichtungen die jetzige Schulgeneration es besser haben dürfte.
Nach mehrstündiger reger Unterhaltung wurde abgesprochen, sich im März 2012 zum 60. Jubiläum erneut zu treffen.

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